Freitag, September 20, 2019

Schützengedanken

Brauchen wir Bräuche? - „Wir werden wissen, wo wir hinwollen, wenn wir wissen, woher wir kommen.“

Eröffnungsrede der Präsidentin zum Königsball 2015

 

Sehr verehrte Gäste,
liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder!

Es heißt immer „In der hektischen und schnelllebigen Zeit heutzutage ist es nicht mehr möglich am Vereinsleben teilzunehmen“. – das ist so nicht ganz richtig, was auch hier heute Abend wieder bewiesen wird.

In unserer modernen Zeit brauchen und suchen Menschen, aber vor allem die jungen Menschen Haltepunkte und Orientierungshilfen. Traditionen und Brauchtum in einem familiären Vereinsumfeld können solche festen Größen sein, die ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. 

Bräuche sind Volksgut, ja ein Stück Kultur. Einmalig, für eine Region, unverwechselbar und notwendig. Sie spiegeln das wider, was sich ein Verein, eine Stadt, eine Region über Jahrhunderte erarbeitet und bewahrt hat. Ob Mundart, Liedgut oder praktische Handlungen – Bräuche verraten etwas von Traditionsbewusstsein, Identität und Einsatz für eine gewisse Heimatregion, für Menschen und deren Ort.

Und auch wir können mit Stolz auf unsere Traditionen sehen, in denen sowohl der Schießsport, als eben auch die Geselligkeit und Pflege des heimatlichen Brauchtums ihren festen Platz haben. Für mich war es schon immer eine besonders schöne Pflicht dieses Erbe zu unterstützen und zu erhalten.

Das Königsschießen selbst ist eine der ältesten Traditionen des deutschen Schützenwesens und erreicht mit der heutigen Proklamation des neuen Königshauses im Rahmen unseres Königsballs seinen Höhepunkt. Jeder Schützenkönig wählt sich zu Beginn seiner Amtszeit sein Königslied, das zu besonderen Anlässen immer wieder gesungen wird – dieses Lied begleitet ihn nicht nur während seiner Amtszeit sondern sein ganzes Leben lang und ruft so immer wieder die schöne Erinnerung an sein Königsjahr wach. Dabei kommt es auch vor, dass junge Könige die Lieder unserer Altkönige, die nicht mehr unter uns weilen, übernehmen und somit die Erinnerung an sie und ihre Taten wachhalten so dass sie durch diese Gepflogenheit in unseren Herzen weiterleben.

Wir müssen nach vorne schauen und dabei diese Schätze bewahren, das bedeutet, dass unsere Gemeinschaft nicht nur aus Tradition handelt, sondern sich stets mit neuen Zielsetzungen den heutigen sportlichen, sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen stellt und sich daran anpasst. 

Liebe Gäste, „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“, fordert Johann Wolfgang von Goethe, und das ist ein wichtiger Gedanke für unsere Vereine. Wir zelebrieren unsere Traditionen nicht nur, wir verinnerlichen und leben sie. Denn nur was man selbst erworben hat, weiß man zu schätzen. Und nur was man schätzt, bekommt im eigenen Leben eine Bedeutung.

Das sind Werte, die uns über den Sport hinaus verbinden. Oft können die Älteren im Verein an die Jungen Geschichten weitergeben aus dem Verein, aus dem Ort, von früher. Das ist wichtig, denn man sagt ja: „Wir werden wissen, wo wir hinwollen, wenn wir wissen, woher wir kommen.“

Die Erfahrungen unserer älteren Mitglieder ist die Quelle, aus der der Verein in der Zukunft schöpfen kann. Sie sind wahrlich auch die beständigsten Hüter unserer Traditionen. Es macht mich stolz, einem Verein vorzustehen, bei dem der Altersunterschied der Mitglieder nicht trennt, sondern im Sport und in der Gemeinschaft verbindet.

Und ebenso dankbar bin ich, dass viele unserer langjährigen Mitglieder ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns teilen – so wird es weiterhin möglich sein Neues zu versuchen, neue Wege einzuschlagen ohne die Achtung vor dem altbewährten zu verlieren.

Der Zusammenhalt von Jung und Alt im Verein macht die Gemeinschaft, macht das Vereinsleben erst aus. Ob Schüler, Jungmitglied, Altersschütze und Senior – zusammen sind wir der Schützenverein Bad Orb. Brauchtum ist also nicht starr, wenn auch die Regeln des Miteinanders überliefert sind. Alles, was erstarrt ist, zerbricht nach einiger Zeit. Die lange Geschichte des Brauchtums hingegen spricht ein deutliches Urteil über seine Unzerbrechlichkeit. 

Das flüchtige hat oft keine Zukunft – es läuft vor ihr davon! Brauchtum entwickelt sich nach den Bedürfnissen und Sichtweisen der Menschen.
Trachten und Traditionen stehen dabei für ein äußerliches Bekenntnis zur Gemeinschaft.

Kernbegriffe des Miteinanders sind Freunde und Freude. Solange es Spaß macht, mitzumachen, solange es Freunde gibt, die zusammenstehen, wird dieses Erbe erhalten und hat forthin Bedeutung über das fröhliche Feiern hinaus. Nie zuvor war dies so wichtig und wertvoll wie heute!

Im Laufe der Jahre sind zwischen den anwesenden Vereinen ganz besondere Freundschaften entstanden. Auch wenn wir nicht den gleichen Sport teilen, teilen wir doch die gleichen Interessen – nämlich den Verein zu festigen und sein Fortbestehen zu sichern – die Gemeinschaft zu erhalten und die Geselligkeit zu pflegen - um so unsere Heimatstadt zu stützen. Daher ist es wichtig dass wir als Vereinsgemeinschaft nicht gegeneinander sondern miteinander handeln. Lasst uns die alten Bande wieder fester knüpfen um zu dieser großen Gemeinschaft zusammen zu wachsen, die sich gegenseitig unterstützt und so auch in den schlechteren Zeiten bestehen kann.

Aus Begegnungen entstehen Freundschaften und wo Freundschaft einzieht wächst die Kameradschaft und der Zusammenhalt. Freundschaften wie unsere müssen von den Mitgliedern getragen werden, um lebendig zu bleiben. Zusammen können wir Hürden überwinden und neue, größere Ziele erreichen. Jemand hat das einmal so ausgedrückt: „Ein Weg, der nicht immer wieder beschritten wird, wächst zu und verschwindet.“

Wir wollen die Wege zueinander möglichst oft beschreiten und sie erhalten und ausbauen. Und so wird mir es in meiner Amtszeit als Präsidentin ein persönliches Anliegen sein diese beiden Werte - Tradition und Freundschaft - nicht aus den Augen zu verlieren.